Ausschreibungsunterlagen unter: helmutrichterpreis.tuwien.ac.at
Abgabe: 15.07.2015

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Helmut Richter ist verstorben. Er war eine der ganz wesentlichen Positionen der österreichischen Nachkriegsmoderne. Geboren 1941 ist er einer aus jener Generation von Architekten, die das Erlebnis einer Kindheit in den Kriegs- und Nachkriegsjahren verbindet.

Heidulf Gerngross und Helmut Richter als Gerngross Richter, Wolf D.Prix und Helmut Swiczinsky als Coop Himmelblau, Laurids und Manfred Ortner als Hausrucker & Co - um nur einige aus dieser Generation zu nennen - sind die „68er“ der österreichischen Architektur. Ihre frühen Arbeiten waren aktionistisch, provokant, visionär. Sie erweiterten den Architekturbegriff und praktizierten ein deutlich verändertes Berufsbild. Kunst und Architektur näherten sich wieder intensiv an.

Richter, Gerngross, Prix, Swiczinsky verbrachten in den späten 60er Jahren Studienjahre im Ausland, in Los Angeles vor allem, in Paris oder London - wahrscheinlich ein einschneidender Eindruck angesichts des damals sehr konservativen Wiens.

Moderne - Postmoderne, Avantgarde - Tradition, Kunst – Kommerz, diese Polaritäten wurden in manifesthaften Schriften publizistisch ausgetragen. Im Vergleich zur Vorgängergeneration (die in der ersten Republik geborenen: Roland Rainer, Viktor Hufnagl, Ernst Hiesmayr, Harry Glück u.A.) war die Selbstinszenierung wichtig, die Betonung einer individuellen Position, die internationale Positionierung.

Zu Beginn der 1990er Jahre löste Wien Graz als „hot spot“ der Architektur ab. Mit der Berufung von Helmut Richter als Professor für Hochbau und Entwerfen an der TU Wien als Nachfolger von Ernst Hiesmayr und Wolf D.Prix als Professor an der Hochschule für Angewandte Kunst, Johannes Spalt nachfolgend, kam frischer Wind in die akademischen Hallen. Mit Peter Noever, dem damaligen Direktor des Museums für angewandte Kunst, hatten die beiden, und auch Günther Domenig, einen kongenialen PR Agenten. Er betrieb ein LA - basiertes, akademisches Sonnenstudio, englische Stargäste  inklusive.

Helmut Richter, 1991 an die TU Wien berufen, startet dort als Vorstand des Instituts HB2 eine sehr erfolgreiche internationale Vortragsreihe, lädt Konstrukteure, Designer, Architekten, Künstler und Künstlerinnen aus Europa und den USA ein. Er pflegte die feine englische Art im Umgang mit seinen Mitarbeitern am Institut und den Studierenden, die er in Scharen begeistern konnte in seinen Vorlesungen, Übungen und im persönlichen Kontakt. Er war ein Gent, ein Sir. Ein Großteil der heute vierzig bis fünfzig jährigen erfolgreich in Wien praktizierenden Architekten und Architektinnen berufen sich auf ihn als Lehrer, als Diplombetreuer. Ein schöner Erfolg für Helmut Richter, dem auch ein wesentlicher Anteil an der zunehmend internationalen Ausrichtung der Architekturfakultät durch die Berufung von Will Alsop und Cuno Brullmann zuzuschreiben ist.

Seine Helden waren die nur wenig älteren Kollegen Foster, Rogers oder etwa Piano, sein Wallhall das Centre Pompidou, 1977 in Paris fertig gestellt.  Als „Hand-tailored Tech“ charakterisiert Peter Cook treffend das Werk Helmut Richters. Es ist der immer aufs Neue unternommene Versuch Klarheit und Direktheit in der Detaillierung der Konstruktion zu erlangen. Er wollte totale Kontrolle über den Bau erlangen, durch Vorfertigung, durch totale Planung, bedingungslos transparent, er wollte alles zeigen, nichts verdecken.

Architektur nicht als Geschäftsmodell, sondern als Überlebensnotwendigkeit.

Diese, Helmut Richters kompromisslose Haltung muss beim Bauen und ganz besonders in Wien, der Kalkputzstadt, zu Konflikten führen und sie waren zahlreich. Aber er war nicht allein, auffallend die Parallelen:  Roland Rainer mit dem Stadthallenbad, es war ebenso wie Helmut Richters Schule am Kinkplatz vom Abbruch oder Entstellung bedroht, oder Ernst Hiesmayr mit dem Juridikum - allesamt international ausgezeichnete Bauten, Stahl - Glas Konstruktionen, transparent konstruiert, bis ins Detail, technische Infrastrukturen offen gelegt, innovativ. Sie sind Schlüsselwerke der österreichischen Nachkriegsmoderne.

Keiner der drei Architekten erhielt je wieder einen Planungsauftrag, weder von der Stadt Wien, noch vom Bund! (sieht man von der TU - Erweiterung am Getreidemarkt von Ernst Hiesmayr ab)

Am weiteren Schicksal der Schule am Kinkplatz werden wir erkennen, ob die zahlreichen Nachrufe von PolitikerInnen zum Tod von Helmut Richter ernst zu nehmen sind. Es ist zu hoffen.

Gerhard Steixner